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Warum Versicherer „Super-Apps“ im Blick behalten sollten

Warum Versicherer „Super-Apps“ im Blick behalten sollten


Aus dem asiatischen Raum stammt ein Trend in der Entwicklung von Apps, der wachsende Aufmerksamkeit erreicht. Die Rede ist von sogenannten „Super-Apps“, die das Smartphone der Nutzer in eine universelle Fernbedienung für das ganze Leben verwandeln. Und da bleibt dann wenig Raum für andere Anbieter. Eine Entwicklung, die Versicherer im Blick behalten sollten.

Der Trend geht zur Zweit-App: Dieser Eindruck drängt sich jedem auf, der aufmerksam in den App-Stores von Google und Apple nach Anwendungen aus den Bereichen Finanzen und Versicherungen schaut. Einige Gesellschaften bieten ein Potpourri an Anwendungen, deren Unterschiede sich dem Nutzer erst auf den zweiten Blick erschließen. Die Versicherer folgen damit offenbar dem von Apple ausgegebenen Motto „There is an app for that”, das die Vielseitigkeit der unterschiedlichen Lösungen betont hatte.

Gegenbewegung: Die „Super-Apps”

Das sieht im asiatischen Raum anders aus. In China dominieren zwei Anwendungen das Smartphone der Nutzer, die als Blaupause für eine Softwarekategorie mit dem Namen „Super Apps” dienen. WeChat und Alipay sind die beiden Anwendungen, ohne die im öffentlichen Leben immer weniger läuft.

Für chinesische Anwender gehört es zum Alltag, dass sie sich über die Messenger-Funktion von WeChat mit Freunden verabreden, im Restaurant einen Tisch reservieren, anschließend ein Taxi rufen – und dank der integrierten Payment-Funktion alles direkt in der App digital bezahlen. Die QR-Codes für Alipay oder WeChat gehören mittlerweile zum Stadtbild. Mit den Apps können sich die Nutzer teilweise sogar den Weg zu einer Behörde sparen und ihre Anliegen unmittelbar digital erledigen.

Ein Trend bahnt sich weitere Kreise

Wie der Branchenreport der beiden Spezialisten Adjust und Apptopia verrät, gehören Super-Apps zu den Top-Trends im mobilen Bereich. Der ist im asiatischen Raum zwar besonders stark, doch auch andere Regionen holen auf. Als Beispiel nennt der Report beispielsweise auch die App des Fintechs Revolut, die sich anschickt, zu einer Super-App zu werden. Ähnliche Ambitionen werden auch Facebook nachgesagt, das seine Messenger Schritt für Schritt um weitere Funktionen ergänzt, zuletzt beispielsweise mit einer direkten Einkaufsmöglichkeit in WhatsApp sowie Shop-Anbindungen im Facebook-Messenger.

Auf die breite Unterstützung durch Politik und Behörden, wie sie in China zu beobachten ist, müssen amerikanische und europäische App-Entwickler dabei verzichten. Dies dürfte allerdings nur die Geschwindigkeit in der Entwicklung verlangsamen.

Was eine Super-App ausmacht

Wird die funktionale Ebene nicht weiter betrachtet, zeichnen sich Super-Apps aus Sicht der Finanzindustrie durch drei Faktoren aus:

  • Daten führen zu weiteren Dienstleistungen: Die hinter den Apps stehenden Unternehmen haben die ihnen von den Anwendern gelieferten Daten genau im Blick. Interaktionen in sozialen Netzwerken, jeder Kauf und finanzielle Transaktion werden ausgewertet und helfen bei der Entwicklung weiterer Funktionen. Und die führen somit zu einer noch stärkeren Bindung an die App. So steigen die Nutzer von Alipay in einem internen Scoring durch störungsfreie Transaktionen und Umsätze immer weiter auf. Auf Basis der Punktzahlen gibt es dann Zutritt zu besonderen Veranstaltungen oder Serviceangeboten. In dieser Hinsicht sind die Betreiber deutlich agiler als tradierte Unternehmen, in denen möglicherweise auch weiter Daten-Silos vorhanden sind.

  • Transaktionen führen zu Vertrauen: Nach einer anfänglichen Skepsis beim ersten Bezahlen oder Einkaufen via App wird sich eine Gewöhnung einstellen. Das Vertrauen in die Fähigkeiten der App wächst, der Anbieter profitiert von einer wachsenden Reputation. Dadurch wird es wiederum einfacher, auf den ersten Blick „fremde” Dienstleistungen anzubieten. Die Integration eines Bezahlverfahrens oder die Möglichkeit, Versicherungsverträge einzusehen, mögen zunächst wenig bedeutsam erscheinen. Die Versicherungswirtschaft sollte aber hier nicht dem Beispiel der Banken folgen, die lange Zeit Paypal unterschätzt haben und heute mit keiner eigenen Entwicklung mehr an dessen Reichweite herankommen.

  • Super-Apps werden zu Gatekeepern der Kundenbeziehung: Die in Asien verbreiteten Apps sind extreme Beispiele: Aus Sicht der Anwender nutzen diese WeChat oder Alipay, unabhängig davon, welches Unternehmen tatsächlich die dahinterstehende Dienstleistung erbringt. Damit beanspruchen die Anbieter der Super-Apps den Kundenzugang für sich. Bei wachsender Reichweite und zunehmender Bindung der Nutzer an die App laufen die Zulieferer (beispielsweise Banken und Versicherer) somit Gefahr, austauschbar zu werden – um letztlich in der Wahrnehmung der Kunden zu verschwinden.

Was eine Super-App ausmacht

Noch gibt es in Europa, insbesondere in Deutschland, Österreich und der Schweiz keine App, die für sich eine solche Dominanz beansprucht wie die asiatischen und teilweise indischen Pendants. Dennoch sind Trends hierzulande unverkennbar, ob Händler-Apps, die Bezahlen und weitere Dienstleistungen einbinden, oder Banking-Anwendungen, die auch einen Blick auf Versicherungen gestatten wollen.

Das sind für die Versicherungswirtschaft gute Nachrichten, bedeutet dies doch noch genügend Zeit, um die weitere Entwicklung zu beobachten und mit eigenen Anwendungen die Führung zu erobern. Dabei darf man nicht vergessen, dass Versicherungsgesellschaften bei vielen Konsumenten hohes Ansehen besitzen. Die Hürde, mit der App einer (bekannten) Versicherungsgesellschaft auch zu bezahlen oder eine andere Dienstleistung in Anspruch zu nehmen, dürfte bei den Konsumenten niedriger sein, als vertrauenswürdige Daten einem eher unbekannten App-Entwickler zur Verfügung zu stellen.

 

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