Gehören die Insurtechs zu den Gewinnern der Coronakrise?

Gehören die Insurtechs zu den Gewinnern der Coronakrise?


Lockdowns und Coronavirus-Krise haben der Digitalisierung in zahlreichen Branchen einen Schub verliehen. Eine wesentliche Vorsichtsmaßnahme vor Ansteckungen bestand darin, den direkten Kontakt mit anderen Menschen zu vermeiden. Beste Voraussetzungen also für Insurtechs, die den Kontakt zu Kundinnen und Kunden doch primär auf digitalem Wege suchen. Gehören sie zu den großen Gewinnern der Coronakrise?

Einkaufen während die Geschäfte geschlossen sind, lieber eine Videokonferenz abhalten statt ein riskantes Beratungsgespräch mit einem Vermittler in den eigenen vier Wänden zu führen: Die Coronakrise stärkt digitale Geschäftsmodelle. Dieses Umfeld sollte also beste Voraussetzungen für Insurtechs bieten. Oder etwa nicht?

Jubelmeldungen aus der deutschen Insurtech-Szene

Zwei Meldungen ließen in diesem Sommer jedenfalls aufhorchen. Da war zum einen die Megafinanzierung in Höhe von 650 (!) Mio. Dollarfür das Insurtech WeFox. Und wenige Tage später ein weiteres Investment in den Versicherer Element, der sich aber mit der deutlich kleineren Summe von 16 Mio. Euro begnügen musste. Mit dem Geld wollen beide Insurtechs ihre Expansion vorantreiben und neue Produkte entwickeln. Gerade Wefox gibt sich angriffslustig und verkündete, binnen weniger Jahre zu einem globalen Player werden zu wollen.

Und weil es so schön passt, verwiesen beide Unternehmen dann auf Zahlen, die die „traditionellen“ Versicherer nicht gut aussehen lassen sollten. Da wurde eifrig mit extrem hohen Dunkelverarbeitungsquoten und beeindruckenden Loss-Ratios operiert. Das bediente natürlich das Narrativ von den jungen dynamischen Unternehmen auf der einen und den schnarchenden Dinosauriern auf der anderen Seite, war jedoch im Grunde eine Scheindebatte. Denn für die wirtschaftliche Beurteilung fehlten Angaben zur Combined-Ratio, die viel interessanter gewesen wäre – sowie auch der Hinweis, dass speziell im SUHK-Bereich, in dem sich die jungen Versicherer vornehmlich tummeln, die klassische Versicherungswirtschaft ebenfalls ihre Hausaufgaben erledigt hat und keineswegs geringere Dunkelverarbeitungsquoten vorlegt.

Der weite Weg zur Disruption

Die Blaupause für einige Insurtechs im Segment B2C, die sich gern als „digitale Versicherer“ oder „Neo-Versicherungen“ bezeichnen, ist Lemonade aus den USA. Das Startup hat sich in seinem Heimatmarkt scheinbar mühelos den Status eines Unicorns (Unternehmen mit einer vorbörslichen Bewertung von über 1 Mrd. Dollar) erkämpft.

Nun hilft der Blick in die USA aber kaum weiter. Denn im Kontext von Lemonade spielt zwar der einfache Zugang via App eine wichtige Rolle. Das Unternehmen ist jedoch auch in einem Segment tätig, in dem eine deutliche Unterversorgung der Kundschaft festzustellen war. Die Situation in Deutschland sieht ganz anders aus, was Lemonade hierzulande spürt.

In Deutschland konnte das US-Unernehmen bislang nicht wirklich Fahrt aufnehmen. Ganz plastisch hat die Situation ein Podiumsteilnehmer auf der Branchenveranstaltung „Banking Exchange 2021“ zusammengefasst: „Alle Insurtechs in Deutschland kommen zusammen gerade einmal auf ein Prozent Marktanteil.“ Dies beschreibt sehr gut den langen Weg bis zur Disruption, der noch vor den Unternehmen liegt.

Gewinner und Verlierer – es kommt auf das Segment an

Die durchaus beachtlichen Fundings in diesem Jahr dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich dabei eben um geliehenes Geld handelt. Die Investoren setzen darauf, dass das Insurtech mit seinem Geschäftsmodell in der Zukunft Geld verdient, oder aber so viel Marktmacht entfaltet, dass das Unternehmen von einem größeren Player übernommen wird, also den „Exit“ anstrebt. Hohe Investments machen ein Insurtech also nicht automatisch zu einem Gewinner der Krise.

Ob als Anbieter eigener Policen oder in der Vermittlerrolle dürften alle Insurtechs unter der Coronakrise gelitten haben, die sich im B2C-Bereich tummeln, um hier Reise- oder Kfz-Versicherungen an die Kundschaft zu bringen. Dieser Markt war in den vergangenen 12 Monaten so gut wie nicht existent. Und mangels ausreichender Rücklagen dürfte einigen Unternehmen finanziell der Schuh deutlich stärker drücken, als dies öffentlich zugegeben wird.

Daran ändern auch die Erfolgsmeldungen einiger Markteilnehmer nichts, die in erster Linie für die Investoren geschrieben werden. Denn eine Verdopplung der Kundenzahl liest sich natürlich sehr positiv. Nur leider fehlen regelmäßig Vergleichszahlen zum Markt insgesamt. Und da steckt die Insurtech-Szene immer noch in den Kinderschuhen.

Deutlich bessere Zukunftsaussichten haben die jungen Unternehmen, die sich als Partner der Versicherungswirtschaft verstehen. Sie könnten tatsächlich von der Coronakrise profitieren, weil die Krise den Gesellschaften deutlich gezeigt hat, wo sie noch Defizite haben. Startups, die sich der Digitalisierung des Vertriebs, Themen wie der Videoberatung oder elektronischen Unterschriften und KYC-Prozessen widmen, konnten durch die Coronakrise zusätzlichen Schwung gewinnen.

Sie möchten mehr über die Digitalisierung in der Versicherung erfahren oder darüber sprechen, wie Software-as-a-Service (SaaS) hilft, die Herausforderungen der Zukunft zu bewältigen? Dann wenden Sie sich gerne an unseren Experten Karsten Schmitt.

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